12.12.25

12. Dezember: Das Licht der Wintersonne

 Kloster Sanctus Ignis, 03:00 Uhr.
Die Stille war kompakter als der frische Schnee. Bruder Anselm atmete langsam und tief ein. Die eiskalte Bergluft brannte in seiner Lunge, aber sie klärte seinen Geist.
Der Abt lag im Krankenbett. Sein Atem war flach und ungleichmäßig. Die traditionellen Heilmittel der Mönche hatten versagt. Nur die Wintersonnenblume konnte ihn noch retten. Eine Pflanze, die ihren Namen der Tatsache verdankte, dass sie nur in der tiefsten Nacht des Hochwinters blühte – und ihre eigenes Licht ausstrahlte.
Anselm trug eine dicke braune Kutte und solide Lederstiefel. In seiner Hand hielt er eine einfache Laterne, deren Öl mit einem mildem Schutz-Zauber versehen war.
»Sei wachsam, Bruder«, hatte der älteste Mönch gewarnt. »Der Wald ist jetzt ein Ort der Wesen, die das Licht der Blume begehren. Eile, aber verliere nicht deine Ruhe.«
Anselm verließ die steinerne Geborgenheit des Klosters. Er ging wachsam in Richtung des Waldrands. Der Schnee unter seinen Stiefeln knirschte leise.
Der magisch geschützte Wald begann ganz in der Nähe des Klosters. Die Bäume waren riesig, ihre Äste trugen eine schwere Last von Eis und Schnee. Die Luft wurde dicker, die Stille noch tiefer.
Er musste den »Eis-Kelch« finden. Ein kleiner Krater, in dem die Blume seit Jahrhunderten gedieh.
Anselm folgte einem kaum sichtbaren Pfad, der nur von magischen Markierungen angezeigt wurde: kleine grüne Flecken auf dem grauen Moos der Bäume.
Ein plötzliches Geräusch schreckte ihn aus seinen Gedanken. Ein Rauschen, das nicht vom Wind kam. Etwas Großes, das durch den Schnee glitt.
Anselm hielt die Laterne höher. Er sah eine dunkle Gestalt, die sich hinter einer Fichte versteckte. Ein Metamorph, der seine Form noch nicht gefunden hatte – nur eine schwankende Masse aus Schatten und Tierfell.
Die Kreatur wurde vom Duft der Blume angezogen. Sie spürte, dass der Moment der Blüte bevorstand.
Anselm erinnerte sich an die Lehre: Magische Wesen fürchten keine Gewalt, aber reine Ruhe.
Er senkte die Laterne und schloss die Augen. Er konzentrierte sich auf den Klang seines eigenen Herzschlags. Dabei sang er ein leises, meditatives Lied der Mönche, eine Melodie über die Geduld des Winters.
Die Gestalt stand still. Das Rauschen wurde leiser. Die Kreatur verstand die Sprache der Reinheit und der Seele.
Als Anselm die Augen wieder öffnete, war die Gestalt verschwunden. Nur ein Wirbel von feinem Schnee blieb zurück.
Er setzte seinen Weg fort. Nach zehn weiteren Minuten erreichte er den Rand des Kraters. Der Eis-Kelch.
In der Mitte des Kreises aus Felsen und Eis stand sie. Die Wintersonnenblume.
Sie war klein, aber ihr Licht war intensiv. Es glühte in einem satten, warmen Goldton, der den gesamten Krater erhellte. Der Duft war süß; es roch nach Honig und Tau.
Anselm kniete nieder. Er zog ein kleines Silbermesser aus seiner Tasche und schnitt die Blume so vorsichtig ab, dass er die Wurzel nicht beschädigte.
Für die strahlende Blume hatte er eine gepolsterte Holzkiste mitgebracht. Er legte sie hinein und schloss den Deckel. Aber das Licht drang durch das Holz.
Die Blume war in Sicherheit und seine Mission erfüllt. Der Abt würde gerettet werden.
Anselm machte sich auf den Rückweg. Er spürte die Kälte nicht mehr, denn er trug die Wärme des Advents in seinen Händen.

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