11.12.25

11. Dezember: Neon-Spuren

 Neu-Berlin, Sektor Gamma, 2099 

Der säurehaltige Regen prasselte gegen die Panzerglasscheibe seines Büros. Kaito zog an seiner synthetischen Zigarette. Das Neonlicht der Megacity glänzte in den Chromteilen seines Augen-Implantats. Als Ex-Polizist und Privatdetektiv kannte er den Schmutz, der unter den Chromfassaden dieses Neu-Berlins verborgen lag.
Eine Nachricht blinkte auf dem Interface seines Desktops: Kein Name, keine Adresse, nur ein verschlüsselter Code und die Ankündigung einer sehr hohen Zahlung in Krypto-Einheiten. Das machte die Nachricht interessiert.
Der Auftrag: Finde den Denk-Chip – eine hochsensible KI-Komponente, die gestohlen worden war. 
Der Anfang seiner Recherche führte zu einem Mann namens Nexus. Ein Datenhändler, der sich in den dunkelsten Ecken des Netzwerks herumtrieb.
Kaito stand auf und griff nach seinem Regenmantel. Er war aus grauer Synthetik, perfekt für die düstere, regennasse Welt der Megacity. Vorsichtshalber steckte er auch seinen Blaster ein, einem alten Modell aus seiner Zeit bei der MEG-Polizei.
Er verließ sein Büro. Der Fahrstuhl sang eine melancholische Melodie über die Verlorenheit der Seele in einer digitalisierten Welt. Kaito kannte den Text auswendig.
Sein Ziel: Die Bar »The Grey Echo« im virtuellen Netz. Man ging dort nicht physisch hin, man loggte sich ein.
Kaito erreichte den Log-In-Punkt in einer Gasse: Ein verdreckter Automatenstand, umgeben von blinkenden Werbetafeln für künstliche Glückseligkeit. Er koppelte seinen neuralen Stecker mit der Basisstation.
Die physische Welt löste sich auf. Er tauchte ein in Neon und Schatten und fand sich sofort in der Bar wieder. »The Grey Echo« war eine stilisierte Kopie aus den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts: Dunkles Holz, staubiger Samt, verrauchte Luft, die im Netz künstlich erzeugt wurde.
An einem kleinen Tisch saß Nexus. Er trug einen glänzenden Anzug, der im Dunkeln schimmerte. Sein Gesicht war hinter einer dicken Schicht von Datenmasken verborgen – digitale Filter, die seine wahre Identität verschleierten. Man konnte nur die Umrisse eines zynischen Mundes erahnen.
Kaito setzte sich ihm gegenüber. Sein Avatar war sein physisches Ich – keine Verkleidung, kein Filter. Ehemalige Polizisten spielten nicht mit digitaler Identität.
»Kaito«, murmelte Nexus. Künstlich verstärkt vom Server-Echo, hallte seine Stimme durch die virtuelle Bar. »Ein Ehrenmann im Datenmüll. Eine Seltenheit in diesen Tagen.«
»Ich bin hier, um einen Denk-Chip zu finden«, sagte Kaito ohne Umschweife. »Ich weiß, dass die Spur durch deine Kanäle läuft.«
Nexus lachte trocken. Das Geräusch war wie rostendes Metall. »Jede Spur läuft durch meine Kanäle. Das ist mein Geschäft. Informationen sind die wahre Währung von Neu-Berlin.«
Kaito lehnte sich zurück. »Der Preis?«
»Ein Adventsgeschenk.«  Nexus lächelte sardonisch. »Ich brauche Zugang zu deinem MEG-Archiv. Die alten Ermittlungsakten über die Korruption der Sektor-Chefs von ’88. Nur ein Blick. Zehn Sekunden Daten-Transfer.«
Kaito zögerte. Das Archiv war eigentlich tabu. Aber der Chip war wichtig – vielleicht wichtiger als seine alte Loyalität.
»Einverstanden«, sagte er schließlich. »Aber nur die Akten über Sektor Gamma. Nichts anderes.«
Nexus’ Avatar leuchtete im Daten-Schatten grün auf. »Akzeptiert. Pragmatismus siegt immer über Moral.«
Er schickte Kaito eine kleine Datei. Der Ort des Chips: Ein verlassenes Warenlager am Rande des Netzwerks. Eine digital manipulierte Adresse.
Kaito vollzog den Transfer aus dem Archiv. Der Austausch war sauber, schnell, gefühllos. »Viel Spaß mit den alten Geschichten.«
»Du weißt, wo du mich findest«, flüsterte Nexus.
Kaito brach die Verbindung ab und fand sich in der kalten Gasse von Neu-Berlin wieder. Es regnete immer noch. 
Er öffnete seine Navigationskarte. Das Warenlager lag an der Peripherie. Die Informationen waren nun im System. Die Korrumpierung seiner eigenen Vergangenheit war der Preis für die Zukunft des Chips. Das Ende der Suche war in Sicht. 
Ein weiterer Advent im Schmutz der Megacity.

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