Mara fuhr einen rostigen Transporter mit einem Motor, der aus reinem Zweifel zu bestehen schien. Sie war eine Kurierfahrerin auf der »Null-Straße« – einem unendlichen, grauen Asphaltband, das nur zwischen den Momenten der Unaufmerksamkeit in der realen Welt existierte. Ihre Ladung bestand aus Dingen, die die Menschheit verloren hatte: vergessene Träume, verlegte Worte und heute: Erinnerungen.
Ihr Auftrag war ein kleines, braunes Päckchen, das drei Erinnerungs-Kristalle enthielt. Der Empfänger war »E. Grimm«, dessen Adresse im Auftrag einfach als »Wo das Licht beginnt« angegeben war.
»Wie kann jemand vergessen, wo er wohnt?«, murmelte Mara.
Die Anweisung war klar: Um den Standort zu finden, musste sie die Kristalle berühren. Die Erinnerungen würden ihr den Weg zeigen.
Sie nahm den ersten Kristall – er fühlte sich an wie warmer Zimt. Als sie ihn berührte, sah sie einen kurzen Blitz: E. Grimm saß als Kind in einer Küche, der Geruch von Weihnachtsplätzchen hing in der Luft. Der Kristall flüsterte: »Frankfurt.«
Sie nahm den zweiten Kristall – er fühlte sich glatt und kalt an wie Marmor. Der Blitz zeigte: E. Grimm stand als junger Mann vor einer Bibliothek, die Hände voller Bücher. Der Kristall flüsterte: »Leipzig.«
Mara fuhr weiter. Die Null-Straße verzweigte sich in Tausend unmögliche Richtungen. Weder Frankfurt noch Leipzig gaben eine klare Adresse für »Wo das Licht beginnt«.
Sie nahm den dritten Kristall. Dieser war anders: Er pulsierte mit einem schwachen, vertrauten Licht. Zögernd berührte sie ihn.
Die Erinnerung schoss durch sie hindurch – aber es war keine fremde Erinnerung. Sie sah sich selbst, Mara, als kleines Mädchen, wie sie am Fenster saß und auf den ersten Schnee wartete. Sie sah die Hoffnung in ihren eigenen Augen.
Der Kristall flüsterte: »Dort, wo du dich erinnerst.«
Mara stoppte den Transporter mitten auf der Null-Straße. Die dritte Erinnerung war ihre eigene verlorene Erinnerung an die Freude gewesen – ein Teil von ihr, den sie im Labyrinth der »Null-Straße« verloren hatte.
Sie blickte auf das Päckchen. Der Empfänger »E. Grimm« war sie selbst – »Erinnerung Grimmig« –, ihr trauriger, verlorener Teil.
Als Mara diesen Gedanken akzeptierte, wurde die Null-Straße um sie herum durchsichtig. Sie sah durch die magische Tarnung hindurch in die reale Welt – sie stand in einer leeren Gasse in Köln, direkt hinter dem Bahnhof. Am Ende der Gasse begann die beleuchtete Einkaufsstraße – »Wo das Licht beginnt«.
Mara schloss die Kristalle zurück in den Karton. Sie lieferte die Erinnerungen an sich selbst. Als sie aus der Gasse trat, spürte sie den kalten Wind und roch den Duft von gebrannten Mandeln. Sie hatte nicht nur eine Lieferung abgeschlossen, sondern sich selbst wiedergefunden.
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