Arktische Tundra, 1995
Dr. Elias Harth betrat die verlassene Forschungsfunkstation »Nordlicht-3«. Drei Monate zuvor hatte das Team, das auf der Station arbeitete, den Kontakt abgebrochen. Elias sollte herausfinden, was passiert war.
Der Generator der Station lief noch, aber die Luft war eiskalt und die Stille drückend. Elias fand das Logbuch in der Kommandozentrale.
Die ersten Einträge waren langweilig – Windgeschwindigkeiten, Temperaturstürze. Aber nach dem zweiten Monat änderte sich der Ton.
18.11.: »Ich höre sie wieder. Die Stimmen sind nicht im Radio, sie sind in den Wolken.«
20.11.: »Sie reden nicht in Worten. Es sind Geräusche aus unserer Kindheit. Das Krachen eines Unfalls. Das Weinen einer Mutter.«
25.11.: »Die Frequenzen sind kein Wetter. Es ist Angst – transformiert in akustische Daten.«
Die letzte Seite war nur ein einziger Eintrag, mit zittriger Handschrift geschrieben: Eine lange Reihe von Frequenzdaten: 102.7 MHz, 455 Hz, 8 dB.
Elias spürte den eiskalten Schauer der Paranoia in seinem Nacken. Er musste wissen, was diese Frequenz enthielt.
Er ging zum Sendegerät. Die Station hatte eine speziell gefertigte Antenne, die Frequenzen über die übliche Reichweite hinaus senden und empfangen konnte. Er schaltete das Gerät an und gab die letzten Frequenzdaten ein.
Statt einer Radiowelle füllte ein Geräusch den Raum, das nicht aus den Lautsprechern kam.
Ein Geräusch, das nur Elias verstehen konnte: Das Klirren von Glas, als er als fünfjähriger Junge die teuerste Vase seiner Großmutter zerbrochen hatte. Das Geräusch war unerträglich laut: Es war die pure Angst seiner Kindheit, in Klang transformiert.
Plötzlich wechselte das Geräusch. Es war jetzt ein verzweifeltes Kratzen auf Metall – dem Metall einer geschlossenen Tür. Elias hatte als Erwachsener eine Panikattacke in einem engen Aufzug erlebt – die Angst der Klaustrophobie.
Elias hielt sich die Ohren zu. Er begriff, was geschehen war: Das verschwundene Team hatte eine Frequenz entdeckt, die die tiefsten Ängste eines Menschen aus den elektromagnetischen Feldern der Erde herauszog und als hörbare Daten zurücksandte.
Gerade hatte er die manifestierten Ängste des Teams und seine eigenen gehört.
Die Frequenz würde draußen in der Tundra weiter existieren. Er musste einen Gegenimpuls senden.
Elias zwang sich, an das Gegenteil zu denken. Er konzentrierte sich auf einen Moment der tiefsten Stärke und Freude in seinem Leben: Die Nacht, als er als junger Mann seine erste Dissertation in letzter Sekunde vollendete – das Gefühl der Erschöpfung, die sich in einen unbändigen Stolz verwandelte. Der Geschmack von heißem Kaffee und das warme Gefühl des Triumphes.
Er drückte einen zweiten Sendeknopf und speiste diesen Gefühls-Impuls in die Maschine ein.
Die durchdringenden Geräusche der Angst brachen ab. Das Klirren und Kratzen zersplitterte wie Staub. Für einen Moment war alles still, dann kam ein schwaches, warmes Geräusch durch den Lautsprecher: Das ferne, leise Lachen mehrerer Stimmen.
Es war der letzte Rest der ausgesandten Daten des verschollenen Teams – ihr eigener Moment des Friedens kurz bevor sie verschwunden waren. Sie hatten die Angst durchlebt und am Ende einen letzten, stillen Frieden gefunden.
Elias schaltete die Maschine ab. Er hatte die Frequenz nicht zerstört, aber er hatte sie mit einem Gefühl von Hoffnung überschrieben. Er verließ die Station; die Stille war nun nicht mehr erdrückend, sondern ein Versprechen. Die dunkelste Angst war dem leisen Ton des Neuanfangs gewichen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen